Warum Regenwasser bald Gold wert sein könnte
Regenwasser im Garten nutzen: Versickerung, Zisterne und Schwammprinzip
Warum Regenwasser bald Gold wert sein könnte – und was Sie heute tun können
Der teuerste Tropfen: Warum wir Regenwasser zu lange weggespült haben
Was wäre, wenn der wichtigste Rohstoff der Zukunft nicht seltene Metalle, Öl oder Energie wären – sondern Wasser?
Eine Frage, die vor wenigen Jahrzehnten übertrieben geklungen hätte. Heute beobachten Städte, Umweltbehörden und Landschaftsbauer eine Entwicklung, die viele Hauseigentümer noch unterschätzen: Regenwasser verändert seinen Wert. Es ist nicht mehr das Zeug, das man möglichst schnell loswerden will. Und vielleicht beginnt genau jetzt eine Zeit, in der wieder jeder Tropfen zählt.
Wenn Regen plötzlich zum Problem wird
Es wirkt paradox: Auf der einen Seite werden die Sommer trockener, die Böden rissiger, die Grundwasserstände niedriger. Auf der anderen Seite kommt der Niederschlag, wenn er kommt, immer öfter geballt. Innerhalb weniger Minuten verwandelt ein Starkregen Straßen in Bäche, Keller laufen voll, und die Kanalisation gerät an ihre Grenzen.
Gerade in Essen und im übrigen Ruhrgebiet zeigt sich dieses Muster deutlich. Das Problem ist nicht mehr nur „zu wenig Wasser“. Das Problem ist, dass Wasser zur falschen Zeit am falschen Ort auftaucht – und an dem Ort, wo es eigentlich gebraucht würde, nämlich im Boden, gar nicht erst ankommt.
Der Grund liegt unter unseren Füßen. Je mehr Fläche wir versiegeln – Dächer, Auffahrten, Terrassen, Hofflächen –, desto weniger Regen kann dort versickern, wo er fällt. Er wird gesammelt, abgeleitet und der Kanalisation übergeben. Bei einem normalen Landregen funktioniert das. Bei 30 Litern pro Quadratmeter in einer Viertelstunde nicht mehr.
Warum Regenwasser jahrzehntelang unterschätzt wurde
Über Jahrzehnte lautete die Devise in der Siedlungsentwässerung schlicht: „Wasser muss schnell weg.“ Dafür wurde gebaut. Es entstanden dichte Pflasterflächen mit Gefälle zum Gully, Rinnen, Sammler, ein immer engmaschigeres Kanalnetz. Regenwasser galt vielerorts faktisch als Abwasser – als etwas, das man entsorgt.
Diese Logik hatte ihre Berechtigung in einer Zeit, in der Flächenversiegelung noch die Ausnahme war und Niederschlag sich gleichmäßig übers Jahr verteilte. Heute kippt sie. Wenn fast alles versiegelt ist und der Regen in Extremen kommt, wird das „schnelle Wegleiten“ zum Bumerang: Die Kanäle sind dimensioniert für den Durchschnitt, nicht für die Spitze. Und das Grundwasser, das sich früher aus der Fläche neu gebildet hat, bekommt seinen Nachschub nicht mehr.
Städteplaner, Wasserwirtschaftler und Gartenbaubetriebe ziehen daraus zunehmend denselben Schluss: Regenwasser ist keine Last, die man loswerden muss. Es ist eine Ressource, die man am Ort halten sollte.
Was sich gerade ändert: Regenwasser bekommt einen Preis
Dass diese Einsicht keine reine Umwelt-Romantik ist, merkt man inzwischen am eigenen Gebührenbescheid. Die meisten Kommunen – Essen eingeschlossen – rechnen längst mit der gesplitteten Abwassergebühr. Schmutzwasser wird nach Frischwasserverbrauch berechnet, Niederschlagswasser separat nach der versiegelten, an den Kanal angeschlossenen Fläche.
In Essen liegt diese Niederschlagswassergebühr 2025 bei 1,96 € je Quadratmeter und Jahr (zuvor 1,84 €). Für eine durchschnittliche Hoffläche, Garage und Auffahrt von zusammen 150 m² sind das fast 300 € jährlich – nur dafür, dass der Regen vom Grundstück in den Kanal geleitet wird. Wer Flächen entsiegelt oder Regenwasser auf dem eigenen Grundstück versickern lässt, statt es einzuleiten, kann diese Fläche aus der Berechnung herausnehmen lassen.
Damit bekommt Regenwasser zum ersten Mal einen handfesten Preis – in zwei Richtungen. Ableiten kostet Gebühren. Zurückhalten und nutzen spart sie. Hinzu kommt der Trinkwasserpreis: Im Bundesschnitt liegt der Gesamtwasserpreis bei rund 4,40 € je Kubikmeter. Jeder Eimer Gießwasser, der aus der Regentonne statt aus dem Hahn kommt, ist barer Gegenwert. (Die reine Gebühren-Rechnerei für Essen haben wir in einem eigenen Beitrag aufgedröselt – hier geht es um das größere Bild.)
Vom Abfluss zum Schwamm: das Prinzip dahinter
Fachlich steckt hinter dieser Wende ein simpler Gedanke, der unter dem Stichwort Schwammstadt bekannt geworden ist. Eine Fläche soll sich verhalten wie ein Schwamm: Regen aufnehmen, speichern und zeitverzögert wieder abgeben – an die Pflanzen, an die Verdunstung, an das Grundwasser. Statt „so schnell wie möglich weg“ gilt „so lange wie möglich da“.
Das ist kein neues Modethema, sondern geregeltes Handwerk. Für die Versickerung von Niederschlagswasser ist das Arbeitsblatt DWA-A 138-1 (Ausgabe Oktober 2024) maßgebend – es beschreibt Planung, Bau und Betrieb von Versickerungsanlagen und die bodenkundlichen Voraussetzungen. Die entscheidende Größe dabei ist der Durchlässigkeitsbeiwert des Bodens, der kf-Wert. Vereinfacht: Wie schnell schluckt der Untergrund das Wasser? Sandige, gut durchlässige Böden mit einem kf-Wert um 1 × 10⁻³ bis 1 × 10⁻⁴ m/s sind ideal. Bei schweren, tonigen Böden unter etwa 1 × 10⁻⁶ m/s funktioniert eine reine Versickerung kaum noch – dann braucht es Speicher- und Pufferlösungen statt eines Sickerschachts.
Diesen kf-Wert kann man nicht raten. Er gehört über einen Sickerversuch oder ein Bodengutachten ermittelt, bevor eine Anlage bemessen wird. Genau hier trennt sich solide Planung von teurem Bauchgefühl.
Fünf Maßnahmen, die im eigenen Garten wirklich etwas bringen
Die gute Nachricht: Das Schwammprinzip lässt sich auf fast jedem Grundstück umsetzen – abgestuft nach Budget und Boden.
1. Entsiegeln statt zupflastern. Die wirksamste Maßnahme ist oft, gar nicht erst zu versiegeln. Rasenfugenpflaster, Schotterrasen, Splittflächen oder breite Fugen lassen Regen an Ort und Stelle versickern und zählen je nach Satzung nicht oder nur anteilig zur gebührenpflichtigen Fläche.
2. Versickerungsfähige Beläge. Wo eine befestigte Fläche nötig ist – Stellplatz, Weg, Hofzufahrt –, gibt es wasserdurchlässige Aufbauten. Wichtig ist hier Ehrlichkeit: „Öko-Pflaster“ funktioniert nur mit einem entsprechend durchlässigen Unterbau und regelmäßiger Pflege gegen Verschlämmung. Sonst versiegelt sich die Fläche über die Jahre selbst.
3. Mulden- und Rigolenversickerung. Eine flache Geländemulde, die das Dachwasser aufnimmt und zeitverzögert versickert, ist die robusteste Lösung für durchlässige Böden. Reicht die Versickerungsfläche nicht aus, ergänzt eine unterirdische Rigole (ein mit Kies oder Kunststoff-Speicherelementen gefüllter Graben) den Zwischenspeicher. Bemessung nach DWA-A 138 – nicht nach Augenmaß.
4. Zisterne zur Regenwassernutzung. Eine Zisterne sammelt das Dachwasser für Garten und – mit Hauswasserwerk – auch für WC-Spülung und Waschmaschine. Eine reine Garten-Zisterne liegt je nach Größe bei rund 1.100 bis 4.500 €, eine komplette Anlage mit Einbau bei 3.500 bis 7.000 €. Bis zu 50 % des Trinkwassers im Haushalt lassen sich so ersetzen. Ehrlich gerechnet: Ohne Förderung amortisiert sich das eher in 12 bis 20 Jahren – der Hauptgewinn ist die Unabhängigkeit in Trockenphasen, nicht die schnelle Rendite.
5. Dachbegrünung und Regengarten. Ein begrüntes Dach hält je nach Aufbau einen erheblichen Teil des Jahresniederschlags zurück und gibt ihn über Verdunstung ab. Ein Regengarten – eine bepflanzte Senke mit feuchteverträglichen Stauden – macht aus dem Problem ein Gestaltungselement. Beides braucht eine fachgerechte Abdichtung und Substratwahl nach FLL-Regelwerk.
Was sich rechnet – und was man sich sparen kann
So sinnvoll diese Maßnahmen sind: Nicht jede passt auf jedes Grundstück, und niemandem ist gedient, wenn eine Zisterne gegen einen tonigen Boden anplant. Eine Versickerung im Lehm, ohne Sickerversuch geplant, steht nach dem ersten nassen Winter unter Wasser. Eine überdimensionierte Anlage kostet Geld, das an anderer Stelle mehr Wirkung hätte.
Die Reihenfolge, die sich in der Praxis bewährt: erst entsiegeln (billigste und oft wirksamste Maßnahme), dann den Boden prüfen, dann die zur Bodenart passende Lösung wählen. Wer mit dem teuersten Bauteil anfängt, hat meist falsch begonnen.
Aus der Praxis
Wie unterschiedlich Wasser geführt werden muss, zeigte sich zuletzt bei einem kommunalen Außenanlagen-Projekt in Essen, bei dem wir die Entwässerung der Freiflächen geplant haben. Statt das Niederschlagswasser komplett in den Kanal zu geben, wurde ein Teil über Versickerungs- und Muldenflächen im Gelände gehalten. Das senkt die abzuleitende Menge, entlastet bei Starkregen und kommt der Bepflanzung in Trockenphasen zugute. Der Mehraufwand in der Planung zahlt sich über die Betriebsjahre aus – genau die Rechnung, die für private Grundstücke im Kleinen ebenso gilt.
Was Sie jetzt tun können
Wenn Sie ohnehin über eine neue Auffahrt, eine Terrasse oder eine Hofsanierung nachdenken: Das ist der richtige Moment, das Thema Regenwasser gleich mitzudenken. Nachträglich zu entsiegeln ist teurer, als von vornherein durchlässig zu bauen. Und je mehr Kommunen Versiegelung über Gebühren bepreisen, desto eher rechnet sich der Mehraufwand.
Wir schauen uns Ihr Grundstück an, prüfen den Boden und sagen Ihnen ehrlich, welche Maßnahme bei Ihnen etwas bringt – und welche nicht.
Garten- und Landschaftsbau Alfred GmbH, Telefon 0172 7902609. Wir sind in Essen, Mülheim, Bochum und Oberhausen für Sie unterwegs. Die Erstbegehung ist kostenfrei.
Quellenverzeichnis
- DWA-A 138-1: Anlagen zur Versickerung von Niederschlagswasser – Teil 1: Planung, Bau, Betrieb, Deutsche Vereinigung für Wasserwirtschaft, Abwasser und Abfall e. V. (DWA), Ausgabe Oktober 2024.
- Regenwasserversickerung, Regenwassernutzung – Planungsgrundsätze und Bauweisen (Fachbuch, eigene Bibliothek).
- Wasser sparen im Garten – Regenwasser optimal nutzen, Kosten senken (Fachbuch, eigene Bibliothek).
- Konstruktionsdetails im Garten- und Landschaftsbau, Band 1: Wege- und Straßenbau, Entwässerung, Baumstandorte (Fachbuch, eigene Bibliothek).
- FLL: Dachbegrünungsrichtlinien (Forschungsgesellschaft Landschaftsentwicklung Landschaftsbau e. V., Bonn).
- Stadt Essen: Gebührensätze Grundbesitzabgaben 2025 (Niederschlagswassergebühr 1,96 €/m²).
Fachlich erstellt von Anton Alfred, Geschäftsführer Garten- und Landschaftsbau Alfred GmbH, Essen.